Je einsamer Eltern während der Pandemie waren, desto mehr Konflikte hatten sie

Am Mittwoch, den 16. Juni 2021, fand das zweite Online Werkstattgespräch der LAG Väterarbeit zum Thema ‘Corona und Gewalt in Familien‘ statt.

Anlass für die LAG-V sich mit diesem Thema zu beschäftigen, war der Umstand, dass bereits sehr früh,nach der Schließung der Schulen und Kindertagesstätten Stimmen laut wurden, die vor einem rasanten Anstieg häuslicher Gewalt auf Grund eben dieser Maßnahmen warnten.

Inzwischen gibt es Zahlen aus 2020 und die LAG-V sieht es nach wie vor als sinnvoll an, statt eines hysterischen Aufschreis, Familien darüber aufzuklären, was sie tun können, um die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Eskalationen zu senken. Das heißt, Aufklärung über die Normalität kindlicher Unruhe und Impulsivität unter diesen Bedingungen, die Gefahren von Alkoholkonsum, einer realistischen Einschätzung der Krankheitsbedingungen sowie Risiken einer ungleichen Verteilung von Belastungen durch Geschlechterstereotype könnten im Sinne eines Empowermentprozesses Familien befähigen, selbst Prävention zu betreiben oder Hilfe anzunehmen, wenn noch ausreichend Ressourcen hierzu verfügbar sind.

Dazu hat die LAG-V Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Hochschule in Düsseldorf eingeladen. Er war im deutschsprachigen Raum einer der ersten, der eine peer-reviewte Publikation zum Thema „Gewalt in Pandemien“ veröffentlicht hat. In seinem Beitrag äußerte er, „es ist ja nicht die erste Pandemie, die wir auf dieser Welt erleben. Und wir hätten einiges wissen können und einiges an Hypothesen auch ableiten können. Von daher freue ich mich im Moment auch darüber, … dieses Thema einmal zu differenzieren und über die schnelle Schlagzeile hinauszugehen. Das würde ich gerne heute gemeinsam mit Ihnen machen und würde einfach einmal fragen: Was wissen wir über dieses Thema? Sicherlich möchte ich auch ein bisschen hinter die Zahlen schauen, aber vor allem auch hinter die Dynamik. Denn letztlich sind Zahlen nur Zahlen, aber was wir uns wirklich anschauen müssen, ist, welche Dynamik diese Pandemie ausgelöst hat und was sie mit dem Thema genau gemacht hat.“

Zum Thema familiäre Gewalt äußerte er, diese „existiert selbstverständlich in alle Richtungen. Das heißt, es gibt Gewalt Mann gegen Frau. Es gibt Gewalt Frau gegen Mann. Es gibt Gewalt Vater/Stiefvater gegen Kind/Kinder. Es gibt Gewalt Mutter/Stiefmutter gegen Kinder. Selbstverständlich gibt es auch Gewalt Kinder gegen ihre Eltern. Das ist übrigens die am allerschwersten zu untersuchende Form der Gewalt, weil Eltern, die Opfer von Gewalt werden, das häufig in dem Moment überhaupt nicht realisieren.“

Im übrigen fand es Baumann bemerkenswert, „dass fast alle Studien während der Corona-Pandemie, die sich mit Gewalt beschäftigt haben, fast ausschließlich Frauen befragt haben und fast ausschließlich männliche Gewalt erforscht haben. Es gibt wenig Zahlen zu den anderen Dingen.“

Die Herausforderungen der Pandemie an Familien, an Kinder und Jugendliche, beschrieb er als komplex. „Wir können nicht einfach sagen, dass es aufgrund von Schulschließungen zu mehr Gewalt gekommen ist. … Im Gegenteil … Natürlich sind Schulen in Bezug auf häusliche Gewalt ein Schutzfaktor, weil sie relativ häufig melden, wenn es zu familiärer Gewalt kommt. Das fällt dann in der Schule auf, dann wird das zügiger gemeldet und dann wird eingeschritten. Aber Schulen stehen in der Meldehierarchie nur an Platz drei. An Platz eins steht die Polizei, an Platz zwei stehen die Nachbarn. Und von wem wurde die Polizei in der Regel gerufen? In der Regel von Nachbarn. Das heißt, die Nachbarschaft spielt bei der Meldung von häuslicher Gewalt eine statistisch gesehen sehr viel größere Rolle als die Schule. Und es könnte sogar sein, dass dadurch, dass Nachbarn öfter zu Hause waren, dass man also mehr mitbekommen hat, sich vielleicht sogar das Hellfeld erhöht hat, mehr zur Anzeige gebracht wurde und mehr Kindeswohlgefährdungen gemeldet wurden, aus dem einfachen Grund, dass Nachbarschaften aufmerksamer waren.“

Bevor Baumann das von ihm entwickelte Modell der strukturellen Wirkungszusammenhänge der Gewalt in Familien befördernden und verhindernden Faktoren darstellte, zitierte er noch weitere Studien und stellte ‚alarmierende Zahlen in zeitliche Kontexte. Sein Resümee nach einer guten halben Stunde: „Wir müssen darauf achten, dass aufmerksame Nachbarschaften gestärkt werden, dass es Netzwerke gibt und dass wir bewusst soziale Angebote an Familien machen. Und wir müssen jetzt bei der Öffnung auch darauf achten. Es ist mir vollkommen egal, ob der reiche Geschäftsmann seinen Urlaub verbringen kann. Wir müssen soziale Integration von Eltern – und die findet nicht auf Mallorca statt, sondern die soziale Integration von Eltern findet auf Spielplätzen, findet bei Elterntreffpunkten, findet in Sozialzentren statt – aufbauen. Und wirklich letzter Satz: Das, was unsere Kinder jetzt brauchen, ist nicht Nachhilfe. Das, was unsere Kinder jetzt brauchen, sind Sozialkontakte, sind Freizeitmöglichkeiten. Und wenn wir die Stabilität unserer Kinder wiederhergestellt haben, dann können wir uns ganz langsam um das kümmern, was in der Pandemie nicht funktioniert hat, nämlich das Lernen. Aber erst Stabilität, dann Förderung von Defiziten.“

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