Bollerwagen ade – neue Väter Bilder im Blick

In dieser nicht repräsentativen ‚Feldstudie‘ haben wir die Berichterstattung zum Thema ‚Vatertag‘ von Ende April bis zum Vatertag am 13. Mai beobachtet und ausgewertet. In diesem Jahr kam dazu, dass der zweite Sonntag im Mai und ‚Christi Himmelfahrt‘, also Mutter- und Vatertag quasi in einer Woche lagen und einige Medien die Bedeutung beider Ereignisse verknüpft haben

Der erste Bericht in der Rheinischen Post vom 21. April titelt ‚Bollerwagen und Bier – Alle Infos zum Vatertag 2021‘. Das ‚obligatorische Bild mit Bollerwagen ziehenden Männern ist mit der Beschreibung ‚Viele verbinden mit dem Vatertag zünftiges Feiern mit Bollerwagen und Bierkasten. Doch es geht auch anders.‘ versehen. Aber dann wird dem Tag dann doch diese Bedeutung wieder zugeschrieben: „Grundsätzlich wird der Vatertag zur Ehrung der Väter gefeiert. Wie das konkret aussieht, ist unterschiedlich. In Deutschland wird der Vatertag anders gefeiert als in den meisten Teilen der Welt. Es steht beim Vatertag hier auch nicht unbedingt der Dank der Kinder für die Leistung der Väter im Vordergrund. Stattdessen feiern sich die Väter selbst. In Deutschland beinhaltet der Vatertag oft den bereits erwähnten Wanderausflug mit Bollerwagen und Bierkasten …

Diese Behauptung wird am gleichen Tag in dem Beitrag von Statista ‚Was Väter vom Vatertag erwarten‘ relativiert bzw. widerlegt indem eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zitiert wird: „Die einen gedenken Jesus Ankunft im Himmelreich, während die anderen den morgigen Tag dazu nutzen, ihre Väter zu feiern. Doch was wünschen sich eigentlich die Männer zu ihrem Ehrentag? Laut einer Umfrage von Statista, geben 38 Prozent der Befragten an, etwas mit der Familie unternehmen zu wollen. Entgegen dem Klischee betrunken umherziehender Männerhorden möchten nur 15,3 Prozent der befragten Väter den Tag mit ihren Freunden verbringen. Am wichtigsten sind jedoch ganz banale Dinge wie nicht zu streiten (24,7%), auszuschlafen (23,1%) oder gutes Wetter (43,4%).

Die überwiegende Anzahl der folgenden Beiträge bezieht sich auf die Rolle der Väter, ihre Beziehungen zu den Kindern und auch auf die besonderen Herausforderungen durch Corona. Die DAK schreibt am 8. Mai: ‚Diese Zeit ist eine Chance, die Vater-Kind-Beziehung zu stärken‘ und führt dazu ein Interview mit dem Männer- und Vater-Experten Dr. Matthias Stiehler: „Diese Zeit ist in der Tat eine Chance, die Vater-Kind-Beziehung zu stärken. Dadurch dass Väter öfter in der Situation sind, allein mit den Kindern klarkommen zu müssen, können sie lernen, kreativer und selbstbestimmter mit der Situation umzugehen. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Vater einem Kind mehr zutraut und es auch mehr herausfordert als eine Mutter. Väter sind mit ihren Kindern eher unterwegs, um gemeinsam etwas zu erleben. Das sehe ich als gute Ergänzung in der Erziehung. Bei mehreren Kindern halte ich es für immens wichtig, mit jedem Kind auch einzeln bestimmte Aktivitäten zu machen. So hat ein Kind auch mal allein Zugriff auf den Vater. Ich habe außerdem die Hoffnung, dass dieses intensivere fürsorgliche Miteinander zwischen Vater und Kind auch zu mehr Selbstfürsorge bei den Vätern führt.

Wie bereits erwähnt, am 9. Mai war Muttertag und die Bloggerin ‚dasnuf‘ setzte sich unter der Überschrift ‚Sorgearbeit braucht mehr als einen Blumenstrauß‘ mit den Voraussetzungen auseinander, die es braucht, damit Paare gleichberechtigt und auf Augenhöhe leben können:

  • geringe Einkommensunterschiede bei den beiden Partnern vor der Geburt des 1. Kindes
  • starke Berufsorientierung der Mutter
  • starke Familienorientierung des Vaters
  • vorhandene und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsangebote
  • Arbeitgeber, der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit möglich macht
  • Entscheidungen auf privater Ebene werden reflektiert und bewusst getroffen und regelmäßig neu ausgehandelt

Darauf, dass dies in vielen Familien nicht der Fall ist und die ‚Krise ist ein Brennglas für Ungleichheiten‘ macht die Soziologin Ohlbrecht von der Universität Magdeburg in der Frankenpost aufmerksam: „Viele Männer seien bei der Familienarbeit jedoch auf einem relativ geringen Niveau gestartet, sagt Soziologin Ohlbrecht. „Frauen haben dagegen schon vorher viel mehr Familienarbeit übernommen und satteln jetzt noch drauf.“ Die Konsequenz: Mütter waren im ersten Lockdown laut eigenen Angaben belasteter, erschöpfter, nervöser und ängstlicher als Väter.“

Dennoch fordert die Bischöfin Petra Bahr aus Hannover ‚Es müsste ein Tag der Väter und Mütter sein‘ und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki äußert sich ähnlich: „Seit Monaten arbeiteten Mütter und Väter im Homeoffice und kümmerten sich gleichzeitig um die Kinder zuhause, wobei sie auch plötzlich Lehrkräfte seien. Mütter und Väter leisten wirklich Großartiges“

Dass der Anlass des Vatertages auch dazu genutzt wird, mehr oder weniger sinnvolle Geschenkideen zu präsentieren, gehört dazu. So formuliert die jetzt im Online Format erscheinende ‚Zeitschrift‘ MensHealth Dad ‚10 geniale Ideen für den Vatertag‘ und wechselt Konsumvorschläge mit denen für gemeinsame Erlebnisse ab: „7. Reise in die Vergangenheit – Nostalgie gefällig? Dann kram ganz einfach die verstaubten Fotoalben und Videokassetten aus dem Schrank und die Zeitreise kann losgehen. So kann man sich an alte Zeiten erinnern und gleichzeitig neue gemeinsame Momente schaffen. Um den besonderen Tag für einen zukünftigen Abend mit der Family zu verbildlichen, eignen sich Polaroid Kameras besonders gut.“

Der Importeur für hochwertige Spirituosen ‚Brown-Forman‘ verknüpft sein Angebot ‚Deutsche genießen gemeinsame und besondere Momente mit ihren Vätern‘ mit einer aktuellen Studie: „Mehr als jeder Zweite legt Wert auf eine gute Beziehung zum Vater. … Für die meisten von uns ist ein harmonisches Zusammenleben sowie eine harmonische Beziehung zu Vätern von enormer Bedeutung. Das findet auch die Mehrheit der Deutschen: Nämlich insgesamt 54 Prozent. Darauf legen die Frauen mit 56 Prozent noch mehr wert als die Männer (52 Prozent). Vor allem in der Altersspanne der 18- bis 29-Jährigen (68 Prozent) ist eine gute Beziehung zum Vater unerlässlich.“

Die am 12. und 13. Mai erschienen Beiträge greifen allesamt Themen und Anliegen von Vätern, sprechen Rahmenbedingungen des Vaterseins an und machen konstruktive Vorschläge, wie Vatersein noch besser gelingen kann

Unter der Überschrift ‚Vaterschaftstest‘ gibt es einen umfangreichen Beitrag von Tillmann Prüfer: „Lange Zeit hieß es, Väter spielten für die Entwicklung eines Kindes allenfalls eine Assistenzrolle. Inzwischen weiß man: Ihr Beitrag ist genauso wichtig wie jener der Mutter. Aber wie macht man es als Vater überhaupt richtig?“ Die Antworten werden hinter der Paywall gegeben.

Die Süddeutsche verlinkt am Vatertag per Twitter auf einen bereits im März 2019 erschienen Beitrag und schreibt im Intro: „Väter sind für die Entwicklung ihrer Kinder nicht wichtig – so dachten die Forscher lange. Die Oxford-Professorin Anna ­Machin weiß: Für die Ausbildung des Selbstbewusstseins und der Geschlechtsidentität etwa sind Väter entscheidender als Mütter.“ In der gedruckten Ausgabe erscheint ein ganzseitiger Beitrag ‚Und jetzt ist Papa dran‘ in dem Väter und Väterexperten zu Wort kommen: „Nur wenige Väter gehen länger als zwei Monate in Elternzeit. Das liegt an strukturellen Ungleichheiten, an Arbeitgebern – und auch an den Vätern selbst. Doch es gibt Ideen, wie sich das ändern ließe. … Manchmal, sagt Hans-Georg Nelles, hätten Väter allerdings auch selbst Einfluss darauf, ob ihre Elternzeit so verläuft, wie sie sich das wünschen. Sie könnten früh das Gespräch mit ihrer Führungskraft suchen, sie könnten Sorgen ansprechen und Kollegen um Rat fragen, die schon mal in Elternzeit waren. Die aktuelle Vätergeneration sehe er auf einem guten Weg, sagt Nelles. ‚Sie will konstruktive Lösungen und fordert sie auch ein.‘“

Prof. Axel Plünneke, Mitglied in der Kommission, die den kürzlich veröffentlichten Familienbericht verfasste, skizziert für das IW in Köln den Weg in eine gleichmäßigere Arbeitsteilung: „Väter kümmern sich heute mehr um den Haushalt und um die Erziehung der Kinder als früher. Gleichzeitig ist das Modell, bei dem der Mann in Vollzeit und die Frau in Teilzeit oder in einem Minijob arbeitet, noch immer weit verbreitet. Ökonomisch sicherer und mit Blick auf den demografischen Wandel auch gesellschaftlich sinnvoller wären zwei Vollzeitverdiener oder Modelle vollzeitnaher Teilzeit – allerdings fehlen dafür oft die Rahmenbedingungen.

Würde das Elterngeld weiterentwickelt, könnte das dazu beitragen, dass sich immer mehr Eltern Haushalt und Kindererziehung gleichmäßiger aufteilen. Denkbar wären beispielsweise mehr individuelle Elterngeldmonate in Kombination mit einem höheren Lohnersatz für die ersten Monate des jeweiligen Partners.“

Der DGB erneuert anlässlich des Vatertags seine Forderung nach Vaterschaftsfreistellung anlässlich der Geburt: „Zehn Tage Vaterschaftsurlaub für Väter direkt nach der Geburt des Kindes sieht die 2019 beschlossene EU-Vereinbarkeitsrichtlinie vor. Die Bundesregierung will die Richtlinie aber nicht in deutsches Recht umsetzen. Die Begründung: Die bestehenden Gesetze (Elterngeld, Elternzeit) in Deutschland reichen bereits aus. Ein Gutachten im Auftrag des DGB widerspricht der Bundesregierung: Auch Deutschland müsse die 10 Tage Vaterschaftsurlaub umsetzen.“

Die Unternehmensinitiative Erfolgsfaktor Familie fragt danach, welche Lehren Familien und Arbeitgeber aus den Krisenerfahrungen ziehen können, wie die Zukunft aktiver Vaterschaft aussieht und worauf sich Unternehmen einstellen sollten? Und lässt Martin Bujard, Forschungsdirektor beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, antworten: „Eine Lehre ist, dass Väter wahnsinnig wichtig sind. Als aktive Väter. Das waren sie natürlich auch schon vorher, aber in der Pandemie hat es sich noch einmal deutlicher gezeigt. Eine andere Lehre ist die Erfahrung mit dem Homeoffice, dies hat vielen Vätern häufigere Kontakte mit ihren Kindern in deren Alltag ermöglicht. Sicherlich ist das nicht in allen Berufen möglich, aber in mehr als man denken könnte. Das Homeoffice hat ganz neue Möglichkeiten geschaffen und die Arbeitswelt hat viel dazugelernt.“

Auch in Meldungen des ZDF und des rbb werden diese Zusammenhänge thematisiert: „Die Corona-Pandemie gilt als Rückschritt für die Rolle der Frau in Familien. Experten widersprechen, aktive Väter verhindern die Retraditionalisierung.“
„Männer und Frauen sollen gleichberechtigt sein, doch die eingefahrenen Rollenmuster, auch im Job, sind nur scheinbar überwunden.“

Der mdr berichtet unter der Überschrift ‚Väter laufen nicht mehr so nebenbei‘ über eine auf verschiedenen Social Media Kanälen verbreitete Kampagne: „Elternzeit nehmen, viel Zeit mit ihren Söhnen und Töchtern verbringen und nicht nur Spielplatzhelden sind. Diese Väter möchte die Aktion #vaterschaftistmehr sichtbar machen, sagt Mario Förster aus Königshain bei Görlitz. Er ist einer der mehr als 30 Väter, die in kurzen Videos erzählen, was es für sie bedeutet, Vater zu sein.“

Nils Pickert Pressesprecher der Kampagne ,Pinkstinks‘ schlägt einen ‚Kindertag statt Vatertag‘ vor und begründet das folgendermaßen: „Vatertage erschöpfen mich – jedes Jahr wieder. Jedes Jahr kommt er um die Ecke und verkleidet sich als Herrentag, der ‚Saufen und viele ähnliche Attraktionen‘ mit im Gepäck hat. Und jedes Jahr schreibe ich Texte und gebe Interviews dazu, warum ich doch gerne mal einen unpeinlichen Vatertag hätte, bei dem es wirklich darum geht, Familie zu feiern. Liebe, Verantwortung, Vaterschaft, Elternschaft. Es ist ziemlich ermüdend. Insbesondere im Zusammenspiel mit dem Muttertagsvorgeplänkel, das alljährlich stattfindet. Mütter, die also auch alljährlich ausführen müssen, warum sie zwar grundsätzlich nichts gegen Blumen haben, aber für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe so viel mehr brauchen als ein hübsches Sträußchen. Aber wie jedes Jahr finden die Verantwortlichen, dass so ein paar Blumen schon das richtige Maß an Wertschätzung für ‚einen Beitrag zum Gemeinwesen sind, den man nicht hoch genug einschätzen kann.“

Mit dem Blick auf die Presse, die Erfahrungen und Beobachtungen in meinem Umfeld, komme ich zu dem Schluss, nicht nur der Bollerwagen und umherziehende Junggesellen sind passe, dazu hat sicherlich auch Corona beigetragen, sondern auch die Beiträge, die dieses Phänomen beklagen, sind aus der Zeit gefallen. Väter und Berichterstattung haben diesen Tag zum Anlass genommen, ‚echte‘ Anliegen von Vätern zu thematisieren und Väter auch zu Wort kommen lassen.

Das drückt auch die Bilanz der Stuttgarter Zeitung am Tag danach aus: „An Christi Himmelfahrt haben sich in Stuttgart trotz anfänglich sonnigem Wetter kaum Menschen mit den typischen Bollerwagen an die frische Luft getraut. Die Polizei verzeichnete einen ruhigen Vatertag.“

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